Was ist Elektrotherapie? Die Verfahren im Überblick
TENS, Muskelstimulation, Fußhebersystem, Biofeedback, Iontophorese: Was die Verfahren gemeinsam haben, worin sie sich unterscheiden und wie die Behandlung zu Hause auf ärztliche Verordnung abläuft.

Elektrotherapie klingt technisch. Gemeint ist die gezielte Anwendung schwacher elektrischer Impulse zu medizinischen Zwecken, meist über Elektroden auf der Haut. In der Physiotherapie gehört sie seit Jahrzehnten zum Alltag. Neu ist, dass viele Anwendungen heute mit kleinen Geräten zu Hause möglich sind, auf ärztliche Verordnung und über die Krankenkasse. Dieser Artikel ordnet die Verfahren, die wir versorgen.
Warum Strom im Körper überhaupt etwas bewirkt
Nerven und Muskeln arbeiten mit elektrischen Signalen. Ein Nerv leitet seine Information als elektrischen Impuls weiter, ein Muskel zieht sich zusammen, wenn ein solcher Impuls bei ihm ankommt. Die Elektrotherapie setzt an dieser Sprache des Körpers an: Ein Gerät gibt von außen Impulse ab, die je nach Stärke, Frequenz und Impulsform entweder Nervenfasern reizen oder einen Muskel zur Kontraktion bringen.
Sie spüren das als Kribbeln unter den Elektroden oder als Anspannung des Muskels. Wie stark, legt die Einstellung fest; die Faustregel lautet: deutlich spürbar, aber nicht unangenehm.
Die Verfahren für zu Hause
- TENS, transkutane elektrische Nervenstimulation: Niedrigfrequente Impulse reizen sensible Nervenfasern. Eingesetzt zur Behandlung von Schmerzen. Wie die Linderung zustande kommt, erklärt die Forschung mit Modellvorstellungen, etwa der Gate-Control-Theorie; abschließend geklärt ist es nicht.
- Muskelstimulation, EMS oder NMES: Impulse lösen eine Kontraktion aus. Eingesetzt in der Rehabilitation, etwa nach Operationen oder bei längerer Ruhigstellung, um Muskeln zu erhalten.
- Funktionelle Elektrostimulation: Ein Fußhebersystem reizt den Wadenbeinnerv genau in dem Moment des Schritts, in dem die Fußspitze gehoben werden muss, etwa nach einem Schlaganfall.
- Beckenbodentherapie: Elektrostimulation über Sonde oder Klebeelektroden, um den Beckenboden spürbar zu machen, und EMG-Biofeedback, das die eigene Anspannung misst und anzeigt. Beim Biofeedback fließt kein Strom in den Körper.
- Leitungswasser-Iontophorese: Ein schwacher Gleichstrom fließt durch Wasserbäder und die Haut von Händen oder Füßen und bremst bei starkem Schwitzen die Schweißdrüsen vorübergehend aus.
In der Praxis gibt es weitere Stromformen, etwa Interferenz- oder Hochtontherapie. Sie werden dort angewendet und sind keine Hilfsmittel für zu Hause; die Hochtontherapie ist in der Regel eine Selbstzahlerleistung.
Was Elektrotherapie leisten kann und was nicht
Elektrotherapie behandelt Beschwerden, nicht ihre Ursache. Sie repariert keine Nerven und ersetzt weder die Behandlung der Grunderkrankung noch verordnete Medikamente. Wie gut sie wirkt, ist von Anwendung zu Anwendung verschieden: Beckenbodentraining bei Belastungsinkontinenz ist gut belegt, für andere Anwendungen ist die Studienlage dünn. Deshalb nennen wir die Belege nicht pauschal, sondern je Verfahren auf unseren Fachseiten, mit Studiengröße.
Ob ein Verfahren für Sie in Frage kommt, entscheidet nicht das Gerät, sondern der Befund. Ob es Ihnen hilft, zeigt die Erprobung.
Wie sicher ist das?
Das Sicherheitsprofil ist der am besten belegte Aspekt. In einer Auswertung von 381 Studien mit 24.532 Teilnehmenden wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet, die ursächlich auf TENS zurückzuführen waren. Häufigste unerwünschte Wirkung sind Hautreizungen unter den Elektroden bei etwa 2 bis 3 Prozent der Anwender.
Frei von Risiken ist Elektrotherapie trotzdem nicht. Bei Herzschrittmacher, Insulinpumpe, Herzrhythmusstörungen, Epilepsie und in der Schwangerschaft kommt sie nicht in Frage; bei Metall im Körper kommt es auf den Stromweg an. Verbindlich sind immer die Angaben in der Gebrauchsanweisung Ihres Geräts.
Herzschrittmacher, Metallimplantat, Schwangerschaft: wann Elektrotherapie nicht in Frage kommtSo läuft die Behandlung zu Hause
- Ihre Ärztin oder Ihr Arzt stellt eine Verordnung aus. Die Geräte sind Hilfsmittel nach § 33 SGB V und im Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen geführt.
- Wir klären die Kostenübernahme mit Ihrer Krankenkasse. Für Sie fällt die gesetzliche Zuzahlung an, höchstens 10 Euro; über die Bewilligung entscheidet Ihre Kasse.
- Sie erhalten das Gerät meist als Leihgerät, mit Zubehör und einer persönlichen Einweisung, telefonisch oder vor Ort. Die Einweisung ist nach der Medizinprodukte-Betreiberverordnung Pflicht, eine Anleitung allein genügt nicht.
- Die Versorgung beginnt in der Regel mit einer Erprobung. Bringt das Gerät Ihnen nichts, geben Sie es zurück.
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